"Die Glocke" von Dienstag, 13.02.2007
Rietberg (sog). Die Vorlesung des Bentlager Kreises Aachen im Heimathaus Rietberg bot einen Abend der besonnenen und heiteren Art. Im dämmrigen Licht präsentierten die sechs Autorinnen Lyrik und Prosa aus ihrem Jahrbuch 2006, das den Titel "Als die Nacht ans Ufer schwamm" trägt. Von tief romantischen Stücken bis hin zu gesellschaftskritischen Texten erwartete das Publikum ein weites Themenspektrum.
Für die musikalische Begleitung sorgte der Saxophonist Benedikt Hensdiek aus Spexard (Friedrichsdorf, anm. von racoonRecords). Der Bentlager Kreis ist eine offene Initiative aus Literatur, bildender Kunst und Musik, die sich in fünf Sektionen teilt. Im Jahr 2003 gründete sich die Aachener Sektion aus einem Lyrik-Workshop unter der Leitung des Münchener Schriftstellers Frank Sporkmann. "Die Möglichkeiten, seine Arbeiten zu publizieren, sind sehr gering, da dies hauptsächlich über Verlage läuft", begründete Sporkmann die Entscheidung, selbständig Texte zu veröffentlichen.
Zur Freude der Veranstalter fanden sich zahlreiche Zuschauer im Heimathaus zusammen. Mit sanften Saxophonklängen stimmte Benedikt Hensdiek die Gäste zu Beginn auf die kommende poetische Kost ein. Die Themen der Gedichte und Textstücke spannten sich über romantische Naturlyrik, zynische Gesellschaftskritik, pointierte Alltagserlebnisse und barock-expressionistische Lebensdarstellungen. "Des Lebens Lauf" von Sigrid Schwengber zeigte die Frau von heute, die zuerst von Fete zu Fete zieht und dann später doch als Hausfrau in Birkenstock-Sandalen am Herd steht.
Mit "Kinderfrage" stellte die Künstlerin den Krieg und den damit verbundenen Verlust von Mutter und Vater in Frage. "In der heutigen Gesellschaft findet Lyrik immer mehr Zuspruch", befand sie. Um sich weiterzuentwickeln sein man dabei auf das Publikum angewiesen. "Man schreibt über Dinge, die einen persönlich betreffen, die einen bewegen. Natürlich greifen wir auch Themen auf, die benannt werden müssen", erklärte Bettina Kutta ihr literarisches Anliegen. Mit "Wetter brennt" nahm sie Stellung zur Bildungsmisere an deutschen Schulen, der Verwahrlosung der Jugendlichen und der politischen Kurzsichtigkeit.
Dass Lyrik auch von Klängen lebt, verdeutlichte vor allem Brigitte Schulze-van der Wal. In "Liebe ist" verband sie hörbares Gefühl mit erhellendem Wortspiel. Auch die Spexarderin Annegret Hollenhorst, die im Jahr 2003 einen Preis mit ihren Gedichten gewann, präsentierte ihre Arbeiten im Rahmen der Vorlesung. Ihr Stück "Das Erbe" handelt von einer Frau, die ihre Habseligkeitstruhe hervorkramt mit Steppbett und altem Fuchsschal, da sie glaubt, es könne bald zu spät sein. Dieser Handlung gab die Lyrikerin ein unerwartet komisches Ende. Zwischen den einzelnen Textbeiträgen wurde die Atmosphäre durch die musikalische Begleitung aufgelockert. Benedikt Hensdiek präsentierte Eigenkompositionen und Improvisationen, die sich an den Inhalten der Gedichte orientierten.